„Wenn Fremde sich in unsere Lage fühlen, sind sie wohl näher als die Nächsten, die oft unseren Gram als wohlbekanntes Übel mit lässiger Gewohnheit übersehen.“

 

Dieses Zitat von Wolfgang Goethe ist zugleich erschreckend und verbindend. Erschreckend, weil es uns bewusst macht, dass sich uns das Leid in unserem eigenen Umfeld nur zu leicht entzieht. Verbindend, weil es dem Fremden durch die Macht der Empathie die Fähigkeit zuspricht zum Bruder oder zur Schwester zu werden. Wir bei ChanceMent bereiten unsere Praktikanten auf ihre Einsätze vor, lernen sie kennen und hin und wieder lassen wir uns durch ihre Berichte in fremde Welten entführen. Als angehender Wirtschaftsingenieur unterstützt Samuel den CFI-ler Hermann Eberbach beim Aufbau eines Schulgebäudes und bei der Ausrichtung von Life-Skill-Trainings in Nairobi, einer Stadt, die wie wenige andere durch ihre Kontraste besticht: Wolkenkratzer und Slums, teure Autos und Schlange stehende Tagelöhner, die Wärme der Menschen und die Ignoranz der Eliten.

 

„Willkommen in einer bizarren Welt!“. So könnte man seinen letzten Rundbrief überschreiben. Auf dem Heimweg mit dem Fahrrad erblickt Samuel etwas in diesem Umfeld geradezu Ungewöhnliches, oder eben „Bizarres“. So auch seine eigenen Worte, mit denen er den Anblick eines nagelneuen BMW X6 in „Lucky Summer“, einem der ärmeren Stadtviertel Nairobis, beschreibt. Eine kurze Internetrecherche bestätigt seinen ersten Eindruck. Ein Bauarbeiter in Nairobi, rechnet er vor, müsste bei einem üblichen Tageslohn von ca. 5,50€ mehr als 50 Jahre arbeiten, um sich ein solches Auto leisten zu können. Wenn wir bedenken, dass diese Annahme nur gilt, wenn man die Lebenshaltungskosten und den schwankenden Bedarf an Tagelöhnern außen vor lässt, wird uns die finanzielle Ungerechtigkeit in vielen Teilen dieser Welt einmal mehr bewusst. „Differenzierter betrachtet ist Slum nicht gleich Slum. Und viele Leute leben auch zwischen reich und arm. Wo ein Bauarbeiter hier einzuordnen ist, finde ich gar nicht so leicht zu sagen. Fakt ist aber, dass die Kluft zwischen arm und reich hier riesig ist.“

 

Die Arbeitslandschaft in Kenia spiegelt die finanziellen Missstände wider. Ein großer Mangel an Arbeitsplätzen macht es für manche Menschen zur besten Option, einen Tag im Matatu zu sitzen, um den so genannten Nahverkehrsbus voller erscheinen zu lassen. 2€ bringt diese sitzende Tätigkeit am Tag. Produktive Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, ist gar nicht so leicht. Das Glasschneideprojekt, in dem Samuel mit Francis, Julius und Peter arbeitet, ist ein vielversprechender Ansatz mit einfachen Mitteln produktiv zu werden. Die gute Laune der Kenianer ist ansteckend. Die jungen Männer lachen zusammen über deutsche Zungenbrecher und leiden kollektiv, wenn wieder einmal der Strom ausbleibt. Es sind die Begegnungen, die das Praktikum für Samuel so besonders machen.

 

Als Fremder ist er nach Kenia geflogen. Seine Erfahrung zeigt jedoch: Wenn man sich anderen öffnet, werden Distanzen überbrückt, Vertrautheit und Verbundenheit halten Einzug und wir gehen als Geschwister wieder auseinander. Angesichts des Wohlstandsgefälles kommt er zu dem Schluss: „Es lohnt sich finanziell oder materiell wahrscheinlich nicht, sich von Gottes Liebe motiviert, für andere einzusetzen. Kostbar sind aber die Veränderung, die Freundschaften und die Freude die dabei entstehen.“ Was den Wert der Menschen betrifft, schließt er: „Nairobi ist aber mehr [als ein Ort der Gegensätze]. Nairobi ist inzwischen die Heimat von über 4 Millionen - Menschen - von denen jeder einzelne viel mehr Wert ist, als ein BMW X6. Jeder Einzelne hat hier seine eigene Geschichte, hat Familie und Freunde, Hobbies, Träume... Trotzdem ist die Kluft zwischen Arm und Reich allgegenwärtig. Für die Menschen hier gibt es verschiedene Optionen damit umzugehen: Ignorieren, sich aufregen, akzeptieren, für mehr Gerechtigkeit kämpfen, resignieren, kriminell werden ... Je [nach] Person und finanziellen Möglichkeiten sieht der Umgang damit anders aus. Die Reichen und Einflussreichen hier scheinen ignorieren zu präferieren. Im Grunde ist dieses Problem aber hochkomplex und jeder findet seine eigene Antwort auf den Umgang damit.“