Vor einigen Jahren bekam ich einen Zettel in die Hand mit dem Satz: „Deine Hände werden Kinderherzen heilen.“ Ich fragte mich, wie das geschehen soll.
Zur gleichen Zeit ging mir ein Lied nicht mehr aus dem Kopf: „Nimm meine Hände, lass sie Dein sein und heilen, dort wo Kinder schreien. Nimm mein Herz, lass es Dein sein und lieben, dort wo Kinder schreien“ (Humble - Dein sein). Doch als ich für mein Praktikum nach Thailand flog, hatte ich das längst wieder vergessen.

 

Stell dir vor, du läufst eine Straße entlang und bist vollgepackt. Es ist laut. Roller überholen sich gegenseitig. Überall riecht es nach Fischsauce und alle paar Meter kommt dir der Rauch einer Garküche entgegen. Glitzernde Tempelgebäude und Hochhäuser übertrumpfen sich gegenseitig, während sich mittendrin bunte Wohnhäuser abwechseln. Willkommen in Bangkok!
Gerade noch den Reis zum Frühstück geholt und schon wird zur Arbeit gedüst. Heute ist Dienstag – heute ist rosa angesagt. Denn für jeden Wochentag gibt es in Thailand eine andere Farbe. Ich konnte es fast nicht glauben, als ich eine Gruppe von Männern sah: pastellrosa gekleidet und im pinken Taxi zur Arbeit düsend. Thailand ist bunt!

 

Doch so gar nicht bunt empfand ich die sozialen Strukturen. Auf großen Werbetafeln wird die „Idealhautfarbe“ gepriesen. Für den Idealkörper gibt es zahlreiche Schönheitskliniken. Solltest du jetzt noch mit einer Behinderung leben, kommst du weit weg in einen anderen Farbtopf. Denn in Thailand werden einige Kinder, die mit einer Behinderung geboren werden, von ihren Familien verstoßen und in Waisenhäusern der Regierung untergebracht. Gründe hierfür sind Armut, kulturelle und religiöse Überzeugungen und das damit schambehaftete Stigma rund um „Behinderung”.

 

Bunte Inklusion ist das noch nicht. Doch genau das ist ein Wunsch von der Organisation, bei der ich mein Praktikum machen durfte. Mit ihrem Kinderheim „Rainbowhouse“ und unterschiedlichen Tagesstätten in den Stadtzentren schaffen sie familiäre Orte, an denen Kinder in ihrem Potenzial gefördert werden. Wenn es möglich ist, sollen die Kinder in ihrer Community aufwachsen können. Berührungsängste gegenüber Behinderungen sollen abgebaut werden. So durfte ich zum Beispiel mit Musik- und Bewegungsprojekten Kinder "mit" und "ohne" Behinderung zusammenführen.

 

Eine der Tagesstätten meiner Praktikumsorganisation befindet sich auch in der Regierungseinrichtung, in der mehr als 2000 Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen leben und in der Regel auch den Rest ihres Lebens dort verbringen. Die Mitarbeiter kümmern sich liebevoll, doch die Bedingungen erschüttern mich. Menschliche Grundbedürfnisse wie Zuneigung und Aufmerksamkeit kommen verständlicherweise zu kurz.

 

Da saß ich nun und hielt einem Jungen, der sich kaum bewegen kann, die Hände. Ich fragte mich, für was denn überhaupt fördern – bei solch aussichtsloser Perspektive?
Gott, wo greifst du ein? Wo bist DU hier?

 

Nachdem ich minutenlang auf meine Hände gestarrt hatte, war es mir auf einmal klar: Gott ist genau da und er greift genau da ein, wo wir uns von ihm gebrauchen lassen. Hatte ich doch so oft gesungen: „Nimm meine Hände und lass sie Dein sein“. Im scheinbar banalen Händchenhalten durfte ich die Liebe spüren, die - wie ich glaube - Gott dem kleinen Jungen genau hier durch mich zeigen wollte.

 

Zwei Monate später sitze ich wieder in einer Onlinevorlesung und wir lernen über die Trauma-Arbeit mit Waisenkindern. Da stolpere ich über folgende Aussage: „Ohne Liebe nehmen Kinder buchstäblich nicht zu und wachsen nicht“ (Perry, Szalavitz 2008). Damit ein Kind Wachstumshormone bilden kann, bedarf es nicht nur Nahrung durch Essen, sondern auch körperliche Zuneigung wie das Halten oder Schaukeln eines Kindes.

 

…doch gar nicht so banal dieses Händchenhalten!