Sie möchte dort einen Teil ihres Praxisjahres (PJ), das fast am Ende des Medizinstudium als Pflichtpraktikum ansteht, absolvieren. Ziemlich schnell kommt sie auch im Arbeitsalltag an und ist voll integriert. Um sechs Uhr morgens ist sie bereits mit Assistenzärzten und weiteren PJ-Studenten bei den Patienten auf Visite; die Ärzte stoßen gegen sieben Uhr dazu. Gegen acht Uhr morgens werden diverse Fälle besprochen, Vorträge oder ein Mal wöchentlich eine Andacht gehalten.

 

Der Operationsbetrieb beginnt um neun Uhr und Lydia darf relativ frei entscheiden, bei welchen Operationen sie gerne dabei und behilflich wäre. Hauptsächlich darf sie Haken halten, nähen oder auch andere intraoperative Handgriffe tätigen. Wenn möglich, schaut sie auch den Anästhesisten über die Schulter, intubiert oder kümmert sich um die Spinalanästhesie. Manchmal darf Lydia außerdem Wundreinigungen durchführen, Frakturen richten, oder auch schon mal mit dem Bohrer einen langen Metallstab im Bein eines Patienten platzieren.

 

Dazu kommen die Dienste in der Notaufnahme, wo täglich unter anderem Menschen aufgrund eines "Bodaboda" (Motorrad-) Unfalls eingeliefert werden. Das Bodaboda zählt in Kenia nun mal zu den billigsten und daher auch häufigsten Transportmitteln. Den PJ-Studenten wird insgesamt viel Verantwortung übertragen: sie sehen die Patienten noch vor den Assistenzärzten und entscheiden, ob noch in der Nacht operiert werden soll.

 

Lydia sieht viele Patienten mit weit fortgeschrittenen Erkrankungen, wie sie es nicht aus Deutschland kennt. Geld spielt eine viel größere Rolle im Gesundheitswesen. Haben Patienten geschlossene Frakturen, die zwar operationsbedürftig wären, aber nicht genügend Geld dabei, werden sie mit einem Gipsverband heimgeschickt, um das Geld aufzutreiben.

 

Insgesamt blickt Lydia dankerfüllt auf ihre Zeit in Kenia zurück, trotz der vielen Arbeit und des wenigen Schlafs. Sie ist begeistert von den tollen Menschen, mit denen sie zusammenleben und -arbeiten durfte und beeindruckt davon, wie viel mehr die Kenianer ihren Glauben im Arbeitsalltag leben und wie vor jeder OP und auch spontan während der Visite für Patienten gebetet wird.