Gerade einmal vier Monate vor dem geplanten Praktikumsbeginn unterhält sich der angehende Wirtschaftsingenieur Jakob im Zug mit einer Bekannten, die beim Projekt ChanceMent der Organisation „Hilfe für Brüder International“ (Stuttgart) arbeitet. Das Konzept, ein Pflichtpraktikum mit Auslandserfahrungen zu kombinieren, sagt dem reisebegeisterten Studenten auf Anhieb zu. Er fragt „eher aus Spaß“, ob er nicht auch gemeinsam mit seiner Ehefrau ins Ausland gehen könnte. Zu seiner Überraschung klingt ihre Antwort durchaus positiv. Auch Jakobs Ehefrau ist von dem Plan angetan. „Es war ein Traum von uns, ein Semester im Ausland gemeinsam zu absolvieren“, sagt Hannah, die Gesundheitsmanagement studiert.

Individuell angepasst statt „fix und fertig“
Eine wichtige Voraussetzung für ChanceMent – die Bewerber müssen Christen sein – bringen beide mit. In Neu-Ulm engagieren sie sich in der Baptistengemeinde Friedenskirche. Für die Bewerbung braucht es aber darüber hinaus viele Referenzen, etwa Empfehlungs- und Motivationsschreiben sowie einen Lebenslauf auf Deutsch und Englisch. Ende Juni 2018 schicken sie die Unterlagen ab und haben kurz darauf auch schon ein Gespräch in Stuttgart. Ihnen gefällt, dass sie sich nicht auf eine fertige Stelle bewerben, sondern dass die ChanceMent-Mitarbeiter zusammen mit ihnen überlegen, was vorstellbar ist. Vor der Abreise im Oktober absolvieren die beiden außerdem noch ein ausführliches Vorbereitungsseminar, in dem über die landestypische Kultur und Aufgaben in der Entwicklungszusammenarbeit bis hin zu den Fragen „Was nehme ich mit?“ oder „Wie gehe ich mit den Privilegien um, die Weiße bekommen?“ alles Wichtige geklärt wird.

Ora et labora
Die nächsten fünfeinhalb Monate in Eswatini sind die beiden in einem Haus des zuständigen Kirchenbundes SCC (Swaziland Conference of Churches) untergebracht. Der im südlichen Afrika gelegene Staat ist kleiner als Hessen. Knapp 1,3 Millionen Einwohner leben hier, etwa 95 Prozent davon bezeichnen sich als Christen. Während Hannah die Arbeit von „Spargemeinschaften“ von Frauen auf dem Land begleitet, bringt Jakob sein Wissen in einem Mikrofinanzinstitut ein. Die dort gewonnenen Erkenntnisse sollen dann in ihre Bachelorarbeiten einfließen. Obwohl sie noch Studenten sind, erhalten die beiden großes Vertrauen und viel Verantwortung. So ist ihr Rat bei Teamtrainings ebenso gefragt wie im Bereich Finanzen, Projektmanagement oder Personalentwicklung. Aber auch der geistliche Impuls kommt nicht zu kurz: Jeden Morgen gibt es eine Andacht.

Für Europäer gibt’s einen Extraplatz
Die Verständigung mit den Einheimischen läuft größtenteils auf Englisch, was teilweise auch zu Missverständnissen führt, weil manche Worte dort nicht die gleiche Bedeutung haben wie Hannah feststellen muss. So berichtet ihr eine Frau, dass ihre Spargruppe „Sponges“ – also Schwämme – vermietet. Erst zwei Wochen später habe sie herausbekommen, dass die Frauen dasselbe Wort für die Begriffe „Schwämme“ und „Matratzen“ verwenden. Eine weitere Erkenntnis ist, dass sie als Europäer mit weißer Hautfarbe anders angesehen und behandelt werden. Auf Veranstaltungen oder in der Kirche mussten die beiden immer in der ersten Reihe Platz nehmen.

Was wir von den Swazis lernen können
Den Kontakt nach Hause halten sie derweil über Rundbriefe und Instagram. Das Heimweh bereitet ihnen in der Zeit keine Probleme, nur an Weihnachten meldet es sich leise. Statt Schnee und Gänsebraten steht für das Paar am 24. Dezember neben dem Gottesdienst Schnorcheln und Pizzabacken auf dem Programm. Seit Mitte Februar sind die beiden nun wieder in Deutschland zurück und schreiben an ihren Bachelorarbeiten, bevor es dann für zwei Jahre Masterstudium nach Schweden geht. Sie nehmen nun auch Deutschland anders wahr. Sie schätzen die Sauberkeit und Ordnung hierzulande und vermissen die größere Offenheit sowie den Zusammenhalt, den sie in Afrika erlebt haben. Den von ChanceMent vermittelten Auslandsaufenthalt im Rahmen des Studiums können die beiden darum nur weiterempfehlen – „an jeden, der etwas ganz weit weg vom deutschen Alltag erleben und Erfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit sammeln möchte“.

Dieser Artikel erschien in der idea.spezial am 04.11.2019