Die meisten Meldungen aus der Türkei machen eher besorgt – sei es die Wirtschaft mit der schwächelnden Lira, sei es die wechselnde „Taktik“ gegenüber der Europäischen Union in der Flüchtlingsfrage. Ganz zu schweigen von der irritierenden NATO-Partnerschaft, wo man heute mit den Amerikanern Geschäfte macht und morgen von den Russen Rüstungstechnik einkauft. Für Christen gibt es aber wichtigere Dinge als die aktuelle politische Lage, und auch da ist vieles in der Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan in diesen Tagen widersprüchlich: Einerseits müssen Missionare das Land verlassen, und auch „Zeltmacher“ – also Christen, die in einem ganz normalen Beruf in der Türkei arbeiten, aber eben auch ihr persönliches Christsein einladend ausleben – werden von heute auf morgen des Landes verwiesen. Und dann hört man von iranischen Geschäftsleuten, die sich in der Türkei taufen lassen. Einen kleinen Einblick gibt ein türkischer Pastor einer Partnergemeinde von Hilfe für Brüder International. Weil der Bericht so eindrücklich ist, wollen wir ihn direkt zu Wort kommen lassen:

 

Gott macht harte Herzen weich
„Hier in der Türkei treffe ich sehr verschiedene Menschen. Die einen mögen keine Christen. Die anderen haben sogar den Koran ganz durchgelesen, und sich dann doch dafür entschieden, Christ zu werden. Ich treffe junge Christen, die einfach deshalb Jesus-Nachfolger geworden sind, weil sie das gute Vorbild ihrer Eltern gesehen haben. Und ich erlebe Menschen, die fünfmal am Tag ihr „Namaz”- Gebet verrichten, eifrig im Islam leben – und die doch die Entscheidung treffen, Jesus nachfolgen zu wollen. Doch eines hatte ich vor kurzem zum ersten ersten Mal erlebt: dass nämlich ein muslimischer ,Missionar‘ Christ werden möchte. Doch wir folgen einem Gott, der Wunder tut – und das nicht nur zu Zeiten von Paulus, sondern auch heute noch. Ich habe einen Mann getauft, der fleißig im Wort Gottes studiert und Jesus nachfolgen will – und kann manchmal selbst noch nicht glauben, wie Gott harte Herzen weich macht, wenn ich sehe, wo dieser junge Mann aufgewachsen ist und wie er bisher gelebt hat.

 

Ein Drängen verspürt
Im Irak aufgewachsen, wurde dieser Mann ein Glaubenslehrer der Schiiten. Schnell machte er eine religiöse Karriere und bald begleitete er Großajatollah Ali as-Sistani bei muslimischen Konferenzen. Dieser Mann ist der bedeutendste schiitische Geistliche im heutigen Irak und leitet die berühmte „Hawza“, die theologische Hochschule von Nadschaf. Mein Bekannter wurde irgendwann so etwas wie „seine rechte Hand“. Für einige Zeit arbeitete er in den höchsten Kreisen der irakischen Schiiten mit, bis er ein Drängen verspürte, etwas in seinem Leben zu ändern. Er meinte, Allah würde zu ihm reden, als er sich in die Türkei berufen fühlte. So kam er in unser Land und begann auch hier, über den schiitischen Islam zu predigen. Insbesondere wollte er sunnitische Muslime davon überzeugen, zu den Schiiten zu wechseln. Besonders hielt er sich an Iraker, die in der Türkei leben, und bald wurde er so etwas wie ein religiöser Lehrer für diese irakischen Geschäftsleute.

 

Ich will Christ werden
Vor einigen Monaten kam er im Internet auf unsere Seite, mit der wir Iraker in der Türkei zum Gottesdienst einladen. Die irakische Kirche, die sich bei uns im Gemeindegebäude trifft, hat mit der finanziellen Unterstützung aus Deutschland einige missionarische Projekte umgesetzt, unter anderem eben auch eine Internetseite. Mein Bekannter fand die Seite interessant. Es dauerte eine Weile, bis er sich traute, die Einladung zu einem Besuch in unserer irakischen Gemeinde anzunehmen, deren Adresse auch auf der Internetseite angegeben ist. Er kam zu einem Gottesdienst und blieb danach noch für Gespräche, in denen wir ihm das Evangelium erklären konnten. Nach einigen Besuchen sagte er uns, dass er Christ werden wolle – doch das Wunder ging noch weiter: Er habe das, was er bei uns in der Gemeinde erklärt bekommen habe, auch den irakischen Geschäftsleuten weiter erzählt, die er zum schiitischen Glauben bekehrt hatte. Und auch diese Leute seien – da sie ihm ja als religiösen Lehrer vertrauten – sehr interessiert daran, mehr zu erfahren.

 

Taufe im Swimmingpool
Da die Stadt, wo mein Bekannter am aktivsten ist, ca. 600 km von uns entfernt ist, haben wir im Internet Einheiten zur biblischen Lehre über das Internet – über Skype – zusammen durchgesprochen. Nachdem er dies einige Monate getan hatte, wurde ich gefragt, ob ich eventuell zu Besuch kommen könnte – denn einige unserer neuen Freunde würden gerne getauft werden. Da es dort in der Region keine Gemeindegebäude gibt, zögerte ich – und mietete dann ein kleines Ferienhaus an, in dem es einen Swimmingpool gibt. Ich ging zum Vermieter, bezahlte die Miete für den Tag, und nach und nach kamen immer mehrirakische Gäste, die mein Bekannter eingeladen hatte. Als wir uns gerade darauf vorbereiteten, ins Wasser zu gehen, klingelte es an der Tür. Der Vermieter ahnte, aus welchem Grund wir hier waren. Zusammen mit Nachbarn bedrängte er uns, das Gelände sofort zu verlassen. Ob er selbst etwas gegen Christen hatte oder nur Angst davor hatte, Ärger in seiner Stadt zu bekommen, weil bei ihm auf dem Grundstück getauft wurde, kann ich bis heute nicht sagen.

 

Für die Ewigkeit gerettet
Ich erwiderte ihm, dass ich für 24 Stunden Miete bezahlt hätte, und dass er uns wenigstens noch eine einzige Stunde geben müsste – alles andere sei unhöflich. In unserer Kultur darf man den anderen nicht sein Gesicht verlieren lassen, und doch beharrte der Vermieter darauf, dass wir gehen, er zog sogar seine Geldbörse heraus und gab mir meine Mietzahlung zurück. Da wir schon die Taufkleidung angezogen hatten, erwiderte ich, dass wir wenigstens noch Zeit zum Umziehen bräuchten – in zehn Minuten wären wir draußen auf der Straße. Der Vermieter willigte ein – und sobald er den Raum verlassen hatte, sagte ich meinen Geschwistern, dass wir entweder jetzt sofort ,heimlich, still und leise‘ in den Pool zum Taufen gehen würden, oder wahrscheinlich in den nächsten Monaten keine Chance dazu hätten, denn die Geschichte würde bestimmt in der Stadt bekannt werden. Ich wusste nicht, wie viele Geschwister nun den Mut hätten, an dieser „Express-Taufe“ teilzunehmen. Umso überraschender war ich, als über 30 Leute nach vorn traten und die Ersten sich am Swimmingpool anstellten. Ganz leise sprachen wir uns gegenseitig zu: ,Das Blut unseres Herrn wurde nicht unnötig vergossen, denn hier werden heute Menschen für die Ewigkeit gerettet.‘

 

 

Teil eines Wunders
Nachdem 32 Geschwister ihre Taufe empfangen hatten, stieg auch ich aus dem Pool und wir alle wechselten schnell unsere Kleidung. Die Zeit lief ab, und als wir hinaus auf die Straße gingen, sahen wir, dass sich immer mehr Menschen versammelten, die ärgerlich mit dem Vermieter redeten. Bevor die Situation eskalierte, verabredeten wir uns, jetzt einfach schnell von dem Platz weg zu gehen und uns in der Wohnung von Geschwistern wieder zu treffen. Dort veranstalteten wir ein Abendmahl, und obwohl alles so hastig gewesen war und irgendwie gar nicht festlich – ich wusste, dass ich Teil eines Wunders geworden war: Menschen, die aus dem Ausland hierher in die Türkei gekommen sind und einen anderen Glauben haben, werden hier von einem Ausländer, der eigentlich zu einer anderen muslimischen Glaubensrichtung missionieren will, zu Christus geführt. Wenn das kein Wunder ist. Gott hat die Macht – auch in der Türkei, auch 2019.“