Das Land, das ich am ersten Tag durch meine Autoscheibe fasziniert betrachtet habe, weil es so anders,so ungewohnt war, ist Heimat geworden. Ja klar, manchmal kann es herausfordernd für mich sein, nicht die Abwechslung in der Freizeitgestaltung zu haben, die ich aus Deutschland gewöhnt bin. Aber dann habe ich auch das Gefühl, die Menschen hier haben etwas, dass wir in Deutschland oft verpassen: Sie können einfach „sein“.

 

Ich trage ein pinkes Blumenshirt und dazu einen Chitenje mit knallgrünem afrikanischem Muster, der sich extrem mit meinem Oberteil beißt, aber Hauptsache bunt. Ich schaue aus dem Fenster und anstatt, Reihenhäuser und Beton zu sehen, sehe ich Maisfelder auf denen unser Essen angebaut wird. Ich freue mich über den Regen, weil er bedeutet, dass der Mais wächst und meine Freunde genügend zu Essen haben werden. Ich weiß, dass ich mich einfach nur dazu setzen muss, wenn ich Leute treffe, die ich kenne (auch wenn ich sie erst seit einer halben Stunde kenne), um dann Stunden mit ihnen Zeit zu verbringen – ich bin immer willkommen, darf mitessen und falls es dunkel wird auch übernachten. Ich mag es auf Matten zu sitzen, anstatt auf Sofas. Weil ich merke wie gut Leben ohne die Dinge funktioniert, die ich davor immer für selbstverständlich genommen habe. Manchmal kann es herausfordernd für mich sein, nicht die Freizeitgestaltungsmöglichkeiten zu haben, die man gewöhnt ist. Aber dann habe ich auch das Gefühl, die Menschen hier haben etwas, dass wir in Deutschland oft verpassen: Sie können einfach „sein“. Die Häuser meiner Freunde, die mir mit meinen deutschen Augen anfangs schon sehr minimalistisch und karg vor kamen, kommen mir inzwischen herzlich und lebendig vor (alle zwei Stunden kommt irgendjemand zu Besuch). Nach einem 5-Stunden-Besuch, ist die nächste Frage: Wann kommst du wieder? Es gibt nicht wirklich Bekannte, denn sobald man sich kennt, ist man Freund miteinander. Ich verbringe mehr Zeit mit anderen, mehr Zeit mit Gott und mehr Zeit mit mir selbst und irgendwie merke ich dadurch mehr, wer ich bin und auch wer Gott ist.


Neulich saß ich mit einer Tasse Tee in der Hand im Wohnzimmer, hab dem Regen zugeschaut und hatte plötzlich Heimweh-anders-herum. Ich dachte mir: Ich will hier nicht weg. Obwohl das nicht stimmt – ich freue mich auf Deutschland und ich weiß auch, dass ich in vielen Dingen sehr deutsch bin. Ich weiß, dass ich immer weiß bleiben werde (auch wenn ich zum Beispiel im Minibus von den ganzen Afrikanern umgeben, ich manchmal vergesse, dass ich nicht schwarz bin). Dass zum Beispiel Ehrlichkeit für mich immer einen anderen Stellenwert haben wird, als in einem Land, in dem es das Schlimmste ist, beschämt zu werden und das Gesicht zu verlieren und man dann lieber nicht ganz bei der Wahrheit bleibt. Aber trotzdem: Ein Teil von mir ist auch hier zu Hause und wird es vielleicht auch immer bleiben. Und das ist okay. Ein Teil von mir ist zu Hause in diesem Land, dass so voller Leben ist. Und in dem sich Leben, auf eine Weise, die sich so schwer beschreiben lässt, so unglaublich frei und wundervoll anfühlt. Aber ein Teil dieses Landes ist auch zu Hause in mir und wird es auch immer bleiben. Ich darf in mitnehmen in meinem Herzen und teilen – wo auch immer ich bin.