idea-Artikel vom 18.08.2020

 

„Wer denkt, er habe den Libanon verstanden, dem hat man ihn nicht richtig erklärt!“, so ein libanesisches Sprichwort. Tobias Haberstroh, Nahost-Experte bei Hilfe für Brüder International (Stuttgart) hat bereits im Jemen, Irak sowie in der Türkei, in Syrien und Ägypten gelebt und gearbeitet. Auch privat hat er einen engen Bezug zum Libanon, da das Land die Heimat seiner Frau ist. Im folgenden Länderbericht gibt Haberstroh einen Einblick in die komplexe Situation seiner zweiten Heimat, dem Libanon.


Als französisches Protektorat erlangte der Libanon 1943 seine Unabhängigkeit und erlebte Jahrzehnte des wirtschaftlichen Aufschwungs. Zu diesem trug maßgeblich der Bankensektor bei. Beirut wurde bekannt als „Paris des Orients“ und der Libanon als „Schweiz des Nahen Ostens“. 1975 fand dieser Aufschwung ein jähes Ende. Ein blutiger Bürgerkrieg brach aus und dauerte 15  Jahre. Auslöser waren die zunehmenden Spannungen zwischen prowestlichen Christen und propalästinensischen Muslimen, die schlussendlich eskalierten. Die verschiedenen religiösen Gruppen bekämpften sich gegenseitig und auch untereinander. Die Wunden dieser Zeit sitzen bis heute tief. Das benachbarte Syrien war in dieser Zeit militärisch stark im Land involviert und besetzte es bis 2005. Das Abkommen von Taif 1989 beendete den Bürgerkrieg und zementierte das bei der Unabhängigkeit etablierte konfessionsgebundene politische System. Für jede religiöse Gruppe wurde eine bestimmte Anzahl an Sitzen im Parlament festgelegt, und die Volksvertreter wurden demokratisch gewählt. Nach dem Abkommen von Taif wurden die Sitze jeweils zur Hälfte an Christen und Muslime verteilt. Analog wurde für die höchsten politischen Ämter festgelegt, dass der Präsident Christ sein muss, der Ministerpräsident sunnitischer Muslim und der Parlamentssprecher schiitischer Muslim. Diese drei Ämter haben ähnliche Machtbefugnisse. Das System hatte den Vorteil, dass es über viele Jahre ein friedliches Nebeneinander der heterogenen Bevölkerung ermöglichte.

 

Vorteile für Christen, aber …
Insbesondere für die Christen hatte dies Vorteile, da ihr Bevölkerungsanteil aufgrund der höheren Auswanderung und niedrigeren Geburtenrate kontinuierlich sank. Allerdings schränkt dieses bis heute bestehende System den politischen Wettbewerb ein und führt zu massiver Korruption und Vetternwirtschaft. Zu oft zielte das Handeln der Entscheidungsträger auf die Vergrößerung der eigenen Macht und des Reichtums ab, anstatt auf das Wohl des libanesischen Volkes. Nur mit Hilfe einer sehr starken Loyalität zum jeweiligen religiös-politischen Führer sowie Unterstützung aus verschiedenen Ländern schafften es die Regierenden, über Jahrzehnte an der Macht zu sein.

 

Das Land und die Flüchtlinge
Nach der Staatsgründung Israels 1948 und dem jordanischen Bürgerkrieg 1970 nahm der Libanon mehrere Hunderttausend palästinensische Flüchtlinge auf. Die Situation der Palästinenser, die zumeist in separierten Lagern wohnen, ist bis heute sehr schwierig. Ihre wirtschaftliche Lage ist schlecht, der Bildungsstand niedrig und die Kriminalität hoch. Im Gegensatz zu den Libanesen haben sie weit weniger Hoffnung auf eine gute Zukunft. Der Ausbruch des Syrienkrieges 2011 führte dazu, dass eine große Zahl an syrischen Flüchtlingen in den Libanon kam. In behelfsmäßigen Camps, hauptsächlich in der zur syrischen Grenze gelegenen Bekaa-Ebene, nahm der Libanon zu seinen 4,4 Mio. Einwohnern weitere 1,5 Mio. Flüchtlinge auf. Nach wie vor hat der Libanon die weltweit höchste Pro-Kopf-Anzahl an Flüchtlingen. Die ohnehin schlechte Infrastruktur des Landes wird seither noch stärker belastet.  So ist eine dauerhafte Stromversorgung in Beirut zur Utopie geworden, und die nicht abgeholten Müllberge sorgten in den letzten Jahren für unerträgliche Gerüche in der Hauptstadt.

 

2020 – Das Jahr der Krisen
Schon in 2019 begann der Fall der libanesischen Wirtschaft. Das libanesische Pfund verlor inzwischen 80 Prozent an Wert. Es gibt viel zu wenig Fremdwährung im Land, die aber für den importabhängigen Staat dringend gebraucht wird. Das Land hat weltweit eine der höchsten Staatsverschuldungen, und der Staat steht kurz vor dem Bankrott. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind stark angestiegen, und die Ersparnisse vieler wurden über die letzten Jahre entwertet oder sind aufgrund der Kapitalkontrollen nicht verfügbar. Die Menschen gingen schon im Oktober letzten Jahres auf die Straße, die Proteste wurden allerdings von der Corona-Krise überschattet. Wie in so vielen Ländern weltweit sind vor allem die wirtschaftlichen Folgen der Restriktionen und Maßnahmen verheerend. Die Abwärtsspirale nimmt weiter Fahrt auf. Viele Firmen und Geschäfte stehen still, und Krankenhäusern droht die Schließung, da staatliche Fördermittel fehlen. Die auf dem Dienstleistungssektor basierende Wirtschaftskraft des Libanons bekam nochmals einen herben Schlag. Dem nicht genug, ereignete sich dann am 4. August die Explosion im Hafen von Beirut: 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat explodierten, forderten über 170 Menschenleben, verletzten rund 6.000 Personen, Hunderttausende wurden wohnungslos. Der Libanon steht am Abgrund, und es gibt wenig Hoffnung auf baldige Besserung. Im Prinzip wartet jeder nur darauf, dass das Land vollständig kollabiert.

 

Wie geht es weiter?
Die Zukunft ist ungewiss. Es gibt praktisch kein Vertrauen mehr in die politische Elite. Die Wut der Bevölkerung wird wohl weiter wachsen. Einige setzen ihre Hoffnung weiterhin auf ausländische Hilfe und Druck. Allerdings herrscht im Westen und auf der arabischen Halbinsel eine gewisse Müdigkeit, da in der Vergangenheit die Hilfen nicht die geforderte strukturelle Veränderung bewirkt haben. Für die Christen des Landes – ein Großteil katholisch und nur eine kleine Minderheit evangelisch – besteht in diesen turbulenten Zeiten außerdem die Gefahr, dass ihnen der Schutz des problematischen konfessionsgebundenen Systems nicht mehr gewährt wird.

 

Beeindruckendes Engagement der Christen
Ein Hoffnungsschimmer ist der Einsatz der evangelischen Gemeinden vor Ort. Es war beeindruckend, wie sie sich in der Flüchtlingskrise um die syrischen Flüchtlinge gekümmert haben und was in der Folge geistlich passiert ist. Viele Menschen haben von Jesus gehört und ihn auch angenommen. Heute feiern ehemalige Muslime, die zum Christentum konvertiert sind, und langjährige Christen zusammen Gottesdienst. Und auch jetzt zeigen die Christen in Beirut wieder Nächstenliebe: Gleich nach der Explosion sind viele Christen losgegangen und haben in den Häusern und auf der Straße bei den Aufräumarbeiten geholfen, Bedürftige mit Lebensmittelpaketen versorgt und Wohnungen bereitgestellt. Hilfe für Brüder International ist dankbar, dass bereits erste Nothilfegelder an die Geschwister vor Ort weitergegeben werden konnten. Der Libanon braucht unser Gebet! Dass sich Dinge politisch und wirtschaftlich zum Positiven entwickeln. Dass die Christen weiter Hoffnung verbreiten können. Und dass es trotz – oder gerade wegen – zerbrochener Fenster und Türen offene Herzen für Jesus gibt.

 

Interview mit Tobias Haberstroh lesen Sie hier

Video einer Mitarbeiterin der Resurrection Church Beirut über die Situation und die Hilfe vor Ort

 

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