Ich habe mit vielen schwierigen Situationen und Herausforderungen gerechnet, bevor ich mich in das Flugzeug setzte, um einen Kurzeinsatz in einer Gemeinde in der Stadt Portoviejo in Ecuador zu machen. Mit Kommunikationsproblemen, mit unzähligen neuen Eindrücken, die mich überwältigen oder mit Armut, die ich in diesem Ausmaß noch nie erlebt hatte. Ein Erdbeben lag dabei aber außerhalb meiner Vorstellungskraft.


Fast eine Minute lang bebte die Erde am 16. April 2016 mit einer Stärke von 7,8. Die gewaltige Kraft der Natur hat besonders im Stadtzentrum Portoviejos ein Bild der Zerstörung hinterlassen: Häuser, die vollkommen einstürzten, Risse in den Straßen und Autos, die einfach zerdrückt wurden. Menschen schliefen in den folgenden Wochen auf der Straße in Zelten oder unter einem Dach aus Pfählen und Plastikplanen, auf dem stillgelegten Flughafen und in mehreren Parks wurden Massenlager eingerichtet. Rettungsteams waren im Einsatz, Gebäude wurden abgesichert und Maschinen beseitigten die Trümmer. Seit dem 16. April wurden unglaubliche 2267 Nachbeben in Ecuador gemessen. Die meisten davon waren kaum spürbar, andere haben die Menschen schreiend aus ihren Häusern rennen lassen und ihre Gesichter mit Angst überschattet. Immer wieder wurde mir bewusst, wie zerbrechlich und machtlos wir sind. Unter den Trümmern haben insgesamt 671 Menschen ihr Leben verloren, tausende andere ihre Arbeit, ihren Besitz, ihr Zuhause und ihre Zukunftsperspektive. Das, was sie sich mühsam und über Jahre hinweg erarbeitet haben, ist innerhalb von Sekunden in sich zusammengefallen.


Wenn ich jetzt, fünf Monate nach dem Erdbeben, zurückblicke, sehe ich nicht nur die Not, die Angst und die Zerstörung. Geblieben ist ganz besonders auch die Erinnerung an den ersten Gottesdienst, den wir als Gemeinde nach dem Erdbeben gemeinsam feiern durften. Es mussten zusätzliche Stühle aufgestellt werden, weil immer mehr Leute kamen. "Fragt nicht nach dem Warum", sagte Pastor Paúl in der Predigt, "sondern fragt nach dem Wozu". Wozu hat Gott es verhindert, dass die Kirche beschädigt wurde? Wozu hat er eine Familie aus der Gemeinde innerhalb von wenigen Minuten aus den Trümmern, die über ihnen eingestürzt sind, gerettet? Der Mensch fragt nach dem Warum, Gott ist uns schon einen Schritt voraus. ER fragt nach dem Wozu.


Das Innere der Kirche wurde in den folgenden Wochen zu einem Schlafplatz für verschiedene Hilfsorganisationen und zu einer Lagerhalle für gespendete Kleider, Lebensmittel und andere Güter. Täglich konnten wir hunderte Lebensmitteltüten packen, Wasser verteilen und medizinische Hilfe leisten. Die Menschen sind nicht in eine Schockstarre verfallen, im Gegenteil. Ich konnte nur darüber staunen, wie sich die Situation mit jedem neuen Tag veränderte, wie die Menschen nicht müde wurden, einander zu helfen und wie Gott unsere Herzen dazu bewegte, Hoffnung zu schenken in all dem Leid und der Zerstörung.


Gott erinnerte uns durch das Erdbeben daran, wie sehr wir das Leben, das ER uns gibt, wertschätzen sollten. Nach dem Erdbeben konnte ich unverletzt das Gebäude verlassen, das an keiner einzigen Stelle beschädigt wurde und noch bewohnbar ist. Mir wurde bewusst, dass Gott in jeder einzelnen Sekunde trotzdem alles unter Kontrolle hatte. In mir ist eine große Dankbarkeit für die Bewahrung entstanden, die den Menschen in der Gemeinde und mir geschenkt wurde. 
Sonntags durften wir erleben, wie statt 1000 Plätzen ungefähr 1500 von Gottesdienstbesuchern besetzt wurden. Menschen, die Zuflucht, Trost und Sicherheit in Gottes Nähe suchen und offene Ohren haben für das, was ER uns in solchen Zeiten deutlich machen will. Ich glaube, dass Gott sich von Herzen wünscht, dass wir verstehen, dass ER uns mit offenen Armen erwartet und wir uns bei IHM so sicher und geborgen wie in einem Zuhause fühlen dürfen. Unabhängig von unserer Umgebung, von dem Zustand des Gebäudes, in dem wir wohnen und unabhängig davon, auf welchem Teil der Erde wir gerade leben.


Rückblickend hat Gott mir inmitten der schmerzhaften Erfahrungen keinen Raum für mein Warum gelassen. Tag für Tag hat ER mir eine Antwort auf das Wozu geschenkt. Denn "das eine aber wissen wir: Wer Gott liebt, dem dient alles, was geschieht, zum Guten" (Römer 8,28). Was ist dein Warum? Lass es Gott zu einem Wozu machen.