Wir schreiben das Jahr 2013: Timo und ich sind als Co-Worker in Kisoro/Uganda in der sportmissionarischen Kinder- und Jugendarbeit der lokalen Gemeinde tätig. In unser Aufgabenfeld gehört u.a. die Betreuung einer Laufgruppe von Studenten. Wir befinden uns noch in den ersten Wochen unseres Einsatzes, lernen gerade Land und Leute kennen und erkunden Laufrouten. Im Vorfeld suchten wir nach geeigneten Routen, die es uns ermöglichen sollten, die Läufer in zwei Gruppen aufzuteilen - schnelle und gemütliche - und dennoch gleichzeitig am Ziel anzukommen. Die Route des Laufes, über den ich kurz berichten möchte, führte an der Hauptstraße entlang und wurde von einer langen Bahn, die wir als Extrastrecke geplant hatten, gekreuzt. Zunächst lief alles nach Plan, bis eine Gruppe die lange, ebene Bahn wieder hinunter lief. Plötzlich kamen uns mehrere Polizisten mit Maschinengewehren entgegen und riefen aggressiv: „Hand’s up! Go Down!“. Uns wurde klar: Wir waren nicht auf einer gewöhnlichen Straße. Wir befanden uns, ohne es zu wissen, auf einem lokalen Flughafen und hatten die Start- und Landebahn als Laufstrecke umfunktionert. Kurz zuvor wurde das benachbarte Kenia von terroristischen Anschlägen heimgesucht. Dementsprechend angespannt waren die Polizisten. Völlig hilflos sah ich uns in Gewahrsam der Polizei. Ich, als Leiter dieser Laufgruppe, war verantwortlich für die Route und für diese Situation.

 

Wir schreiben das Jahr 2019: Mittlerweile liegen fünf Jahre seit dem missionarischen Einsatz mit Co-Workers zurück. Das Thema Verantwortung hat für mich eine neue Tiefendimension erhalten. In Uganda habe ich schnelle Läufer, talentierte Fußballer und kluge Köpfe kennengelernt, die keinerlei Chance auf einen Arbeitsplatz, geschweige denn auf eine sportliche Karriere haben. Besonders in den ersten Monaten nach dem Einsatz habe ich mich für die Privilegien, den Reichtum, den ich in Deutschland genießen darf, verantwortlich gefühlt. Mein Studium wollte ich nicht als selbstverständlich ansehen. Alles rausholen, diszipliniert lernen und arbeiten hieß die Devise. Das war ich den Freunden in Uganda schuldig. Zurückblickend kann ich sagen: Mit dieser Verantwortung bin ich besser umgegangen als mit der als Leiter unserer Laufgruppe. Doch ich muss gestehen: Da wäre mehr drin gewesen.

 

Dieses Fazit beschreibt ein Ethos unserer Gesellschaft. Da wäre mehr drin gewesen - „Höher, Schneller, Weiter“. Häufig schließt daran die Forderung nach Entschleunigung, Maß und Mitte, an und weist darauf hin, dass wir für die Burn-Outs in unserer leistungsorientierten Gesellschaft verantwortlich sind und dem Einhalt gewähren sollten. Verantwortung: Ein Wort, das nie aus der Mode kommt, weil Situationen nach Akteuren, Entscheidern, Gestaltern - nach Verantwortlichen verlangen. Es ist für uns selbst, für eine Partnerschaft, eine Familie, eine Gemeinde, eine Gesellschaft, wohltuend, wenn Verantwortung wahrgenommen wird. Es ist gesund, in vielen Bereichen des Lebens Verantwortung bei sich zu sehen. Denn sollte für die Situation, in der wir uns befinden, ausschließlich jemand Anderes verantwortlich sein, führt das in eine Ohnmacht, einen passiven Lebensstil, wo man sich den Dingen lediglich ausgeliefert sieht. Andererseits kann es überfordern, sich überall für alles verantwortlich zu fühlen. Mit dieser Einschätzung würden wir uns nur selbst überhöhen, weil wir uns nicht in einem Netz aus vielen Akteuren und Umständen, sondern als Alleingestalter wahrnehmen würden. Was also machen mit dieser Verantwortung?

 

In der Bibel wird Verantwortung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Ich möchte nur auf zwei eingehen. Zum einen die Schöpfungserzählung aus 1. Mose 1: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde …“. Gott wird uns hier als Schöpfer, Gestalter – kurz: als Gärtner vorgestellt. Der Mensch als sein Bild charakterisiert. Geschaffen, um zu gestalten, kreativ zu sein und Ordnung herzustellen. Die erste Anweisung Gottes an den Menschen lautet sinngemäß: Gestalte den Garten, in den ich dich gesetzt habe. Das Netzwerk aus Beziehungen, in dem du dich befindest. Die Nachbarschaft, in der du wohnst. Die Gemeinde, in der du Gottesdienst feierst. Übernimm Verantwortung und gestalte. Gestalte so, dass es mir gefällt. Halte dich an meine Gebote. Mit der Perspektive versuche ich regelmäßig mein Gärtner Da-Sein zu reflektieren. So auch mein Studium. Nach manch einem Semester kann ich zufrieden sein. Nach anderen muss ich mir eingestehen: Da wäre mehr drin gewesen.

 

Eine zweite Perspektive zeigen uns die Evangelien. Gott erkennt, dass die Gärtner mit ihrer Verantwortung heillos überfordert sind und greift so ein, wie es niemand erwartet hätte. Er wird uns, die wir das Bild Gottes sind, gleich. Vom Original zum Bild. Jesus kommt in diese Welt und übernimmt Verantwortung. Er zeigt, wie ein guter Gärtner seinen Garten pflegt. Aber mehr noch als das. Er bringt in Ordnung, wo wir als Gärtner unverantwortlich gehandelt haben. Er bringt in Ordnung, wo an uns unverantwortlich gehandelt wurde. Er bringt in Ordnung, was keinem Bild des Gärtners möglich gewesen wäre - die Trennung zwischen dem Gärtner und seinen Abbildern zu überwinden. Am Kreuz übernimmt Jesus die Verantwortung, die meine Möglichkeiten übersteigt.

 

So auch bei der Laufgruppe. Ich saß handlungsunfähig mit ca. 10 Studenten in Gewahrsam der Polizei. Timo, der unsere Festnahme beobachtet hatte, holte Hilfe bei unserem Betreuer. Nach nur 15min kam er hinzu, verschaffte sich einen Überblick, telefonierte mit lokalen Autoritäten und erwirkte unsere sofortige Freilassung. Die Erleichterung war uns ins Gesicht geschrieben. Jubelnd liefen wir nach Hause.

 

Die Bibel zeigt uns, dass wir einerseits verantwortlich sind. Wir sollen die Gärten gestalten. Dabei macht sie deutlich, dass noch mehr drin gewesen wäre. Wenn wir die Maßstäbe, die Jesus an seine Nachfolger setzt, anschauen, sind wir zum Scheitern verurteilt. Die Bibel zeigt aber auch, dass Gott Teil des Gestaltungsprozesses sein möchte und sich wünscht, dass wir nach seinen Plänen für die Gärten fragen. Und sie zeigt uns, dass Jesus die Verantwortung übernimmt und alles bereits getan hat. Verantwortung aus biblischer Perspektive betrachtet, beinhaltet eine Spannung zwischen Anspruch und Zuspruch.

Anspruch: Da geht noch was. Zuspruch: Es ist vollbracht.