18. August 2016, Frankfurter Flughafen: In meinen Gedanken befand ich mich, inmitten meiner kreativen Illusionen, längst bei meinem Freiwilligendienst in Chile für Gott. Ich bin zu 100% bereit, die nächsten zehn Monate meines Lebens voll und ganz für den Herrn zu investieren und mich von ihm gebrauchen zu lassen. Das ist meine feste Einstellung zu diesem Zeitpunkt gewesen, ehe ich mich im Flugzeug Richtung Chile befand. Noch befand ich mich auf deutschem Boden, doch meine Vorstellungen der nächsten zehn Monate waren schon ziemlich abgehoben.

 

Motiviert bis unter die Haarspitzen, mich vom Herrn gebrauchen zu lassen, ließ ich außer Acht, dass es in erster Linie darum geht, sich völlig von seiner Gnade abhängig zu machen. Für den Dienst, der Früchte tragen soll, ist das Zusammenwirken dieser zwei Elemente verbindlich. Die Abhängigkeit von Gott auf der einen und die dienende Bereitschaft für Gott auf der anderen Seite. Wohlbemerkt mangelte es mir an dieser Erkenntnis. Dementsprechend machte ich auch diverse Erfahrungen während meines Dienstes in Chile. Fokussiert auf meine Fähigkeiten und Unfähigkeiten, sprang ich ins kalte Wasser und musste früh bekennen, dass man mit einer Hand paddelnd kein Land gewinnt. Der Arbeitsalltag verlief absolut nicht zufriedenstellend und um mein angestrebtes geistliches Wachstum stand es mehr schlecht als recht. Ich sehnte mich nach prägenden Erlebnissen mit Gott bei meiner Arbeit und mehr Begeisterung für seine Liebe. Mein anfänglicher Tatendrang mündete in einen frustrierenden Stillstand. „Was läuft falsch?“, war meine erste Reaktion, die einen unangenehmen aber unvermeidlichen Prozess der Selbstreflexion einleitete.

 

Mit diesen schwermütigen Gedanken begab ich mich eines Tages grübelnd auf einen Gebetsspaziergang durch die dürren Landschaften am Rande der Atacama Wüste. „Gott, wo bist du? Du willst mich doch gebrauchen. Vater, bitte zeige mir deinen Plan für meinen Dienst und verhilf mir zu neuer geistlicher Stärke.“ Als ich nach diesen gesprochenen Sätzen aufsah, um die Landschaft zu mustern, erblickte ich unweit eine Schlucht, in der sich ein Fluss seinen Weg bahnte. Von der Schwelle den steilen Abgrund hinunterblickend, stockte mir der Atem beim Anblick dieser Szenerie. Im sonst so trockenen Panorama erschien mir die Schlucht als Oase, die sich als grüne Ader seinen Weg durch die Wüste bahnt. Außerdem weideten zu meinem Erstaunen Wildpferde an den Ufern des Flusses. Ich konnte mich schier nicht satt sehen und kam aus dem Danken nicht mehr heraus. Gott zeigte mir einen wunderschönen Teil seiner Schöpfung und öffnete mir die Augen für seine Präsenz. Ich erinnerte mich an die Worte einer Person, die ich außerordentlich schätze: „Verzweifle nicht, wenn du dich in einem Glaubenstal wiederfindest. Denn im Tal, wo das Wasser fließt, wachsen Pflanzen am besten.“ Den Wahrheitsgehalt dieser Aussage bekam ich nun am ganzen Leib zu spüren und gewann Tag für Tag an Energie und Glückseligkeit.

 

Ich lernte auf eine Art und Weise, wie ich es mir niemals hätte erträumen können, welch bedeutsame Rolle unaufhörliche Kommunikation mit Gott in allen Lebenssituationen spielt. Zu oft ertappe ich mich dabei, wie ich von Gott erwarte, dass er handelt, ich aber nicht bereit bin, mein Leben mit ihm zu teilen und in Verbindung mit ihm zu treten. Wenn Christus der Mittelpunkt meines Lebens sein soll, muss sich auch alles in meinem Leben auf Christus ausrichten.

 

Im Januar ereignete sich eine Begebenheit, die genau das wiederspiegelt. Durch einen Unfall beim Surfen fand ich mich mit einer tiefen Schnittwunde am Kopf im überfüllten Wartezimmer eines winzigen Krankenhauses wieder. Während ich krampfhaft mit alten Taschentüchern die Blutung zu lindern versuchte, wartete ich auf meinen Aufruf. Die Wartezeit verbrachte ich im innigen Gebet und dachte ständig an die von Paulus geschriebenen Verse: Doch er sagte mir: „Meine Gnade soll dir genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Jetzt bin ich sogar stolz auf meine Schwachheit, weil so die Kraft von Christus auf mir ruht." (2. Korinther 12,9). Umgeben von anderen schlimm leidenden Patienten, laut schreienden Kindern und deren vor Besorgnis erbleichten Eltern, schien es mir ehrlich gesagt unmöglich, auf meine aktuelle Schwachheit stolz zu sein. Doch ich befahl Gott meine aktuelle Situation an und wünschte mir solch ein „Paulus-Erlebnis“. Schließlich wurde ich ins Behandlungszimmer gerufen und kurze Zeit später begann der Arzt mit dem Nähen der Wunde. Währenddessen kamen wir ins Gespräch und auf meine Äußerung, von einer christlichen Organisation als Volontär entsendet zu sein, brach der Arzt plötzlich in Begeisterung aus. Er freue sich ungemein, einen Christ als Patienten zu haben. Daraufhin erzählte er mir, dass er in den Gottesdiensten einer freien Gemeinde predige. So unterhielten wir uns ausführlich über das Gleichnis der zehn Brautjungfern (Matthäus 25), wobei die Konversation etwas einseitig war. Dadurch, dass mein Kopf immer wieder tief in das stinkende Polster der Patientenliege durch den Druck der einstechenden Nadel eintauchte, fiel mir das Sprechen nämlich schwer. Schließlich verließ ich das Krankenhaus stark im Glauben motiviert und mit dem Segen des Arztes.

 

Diese sonderbaren Begegnungen bestätigten mir, dass sich Gott auf unerwartete Weise in meinem Leben zeigt, um mir zu beweisen, dass er mir seine Sicherheit gibt, wenn ich mich ihm in meiner Unsicherheit anvertraue. Zwar befand ich mich in keiner großen Bedrängnis, Not oder Verfolgung, doch Gottes Antwort auf meine Gebete so plötzlich und auf so wundersame Art erleben zu dürfen, hat mich geprägt und im Glauben erheblich wachsen lassen. Ich wünsche mir, dass ich niemals vergesse, dass ich Gott mein tägliches Leben anvertrauen muss, damit ich sein Handeln erlebe.

 

Befiehl dem Herrn deinen Weg und vertraue auf ihn! Dann wird er handeln. Psalm 37,5