12 Millionen Menschen auf einer Fläche so groß wie Hessen, ein durchschnittliches Tageseinkommen von 1$ pro Tag und ein Durchschnittsalter von 19 Jahren – die trockenen Wikipedia-Fakten wurden auf einmal zur spannenden Realität als ich am 22. September 2016 das erste Mal ruandischen Boden betrat. An diesem Tag begann mein 10-monatiges Eintauchen in eine Kultur, die der deutschen unglaublich fremd ist!

 

An die so offensichtlich anderen Dinge wie das konstant warme Klima, die holprigen Pisten aus roter Erde, Babybananen und Maracuja jeden Tag und viele lachende, dunkle Gesichter gewöhnt man sich schnell und gerne. Doch was ist mit den tiefer liegenden kulturellen und menschlichen Eigenheiten? Meine durch die deutsche Kultur anerzogene individualistische Einstellung, die die eigenen Bedürfnisse als die vorrangig wichtigen ansieht, prallte hier zusammen mit einer Kultur, die vor allem das Wir-Gefühl groß schreibt. Häufiges soziales Zusammenkommen, an einem Strang ziehen, Beziehungen pflegen – immer und überall! In einem Land, in dem es quasi kein staatliches Sozialsystem gibt und die Menschen sehr stark auf gegenseitige Unterstützung angewiesen sind, sind diese Dinge unabdingbar und gleichzeitig tief in den Menschen verwurzelt.

 

Doch ich als Deutsche brauche meine Privatsphäre, meine Zeit für mich. Immer und überall für alle verfügbar sein, wie soll das denn funktionieren? Und was ist überhaupt mit meinen individuellen Bedürfnissen und Wünschen - die dürfen doch nicht zu kurz kommen! Was, wenn ich mir einen ruhigen Nachmittag machen will und auf einmal steht spontaner Besuch vor der Tür…? Genau hier setzte Gott an. Die ganze ruandische Lebenseinstellung passte so gut zu der Lektion, die Er mich in der Zeit hier lehren wollte! Manchmal sprach Er sie leise in mein Herz, manchmal lehrten mich einfach mein Leben und meine Arbeit hier mit sozial benachteiligten Kindern: Es geht nicht um mich! Es geht nicht darum, dass ich selbst im Mittelpunkt stehe und meine Bedürfnisse und Wünsche immer optimal erfüllt werden. Es geht nicht einmal darum, selbst immer zu 100% zufrieden und glücklich mit der jetzigen Situation zu sein. Stattdessen geht es darum, Gottes Reich zu bauen und seine Ehre zu suchen – auch und gerade dann, wenn es mich selbst etwas kostet.

 

Ein Vers wurde mir in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Jesus sagt diese Worte zu der Menge, die ihm folgt und zu seinen Jüngern - es geht um Nachfolge: „Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.“ (Lk. 9,23) Diese Worte sind unglaublich herausfordernd. Gleichzeitig befreit mich die Erkenntnis, dass es nicht um mich, sondern um Ihn geht. Selbstverleugnung, sein Kreuz auf sich nehmen – ich bin überzeugt, dass Gott uns an jedem einzelnen Tag die Gelegenheit gibt, das zu üben. Hier in Ruanda und überall sonst auf der Welt. Ich durfte es hier selbst so oft trainieren, habe immer wieder versagt, durfte wieder aufstehen und weitergehen.

 

Es ist eine Reise, auf die Gott mich geschickt hat und erst wenn ich bei ihm bin, werde ich angekommen sein. Meine Zeit in diesem wunderschönen Land voller Lachen und Tränen, Freude, Schmerz und Hoffnung in vielen Gesichtern, geht nun zu Ende. Doch so vieles bleibt! Ich gehe zurück und will Sein Reich bauen und Ihn ehren – denn darum geht es für mich.