Nach 20 Jahren kommunistischer Herrschaft durch die Präsidenten Hugo Chávez und Nicolas Maduro ist Venezuela wirtschaftlich am Ende. Die Parole „Vaterland, Sozialismus oder Tod“ scheint die letzte Alternative vorzugeben: Die einst prosperierende Ölindustrie liegt völlig am Boden, die Wirtschaftsembargos der US-Regierung unter Präsident Donald Trump wirken so stark, dass selbst die vereinte Militär- und Wirtschaftshilfe aus China, Russland und Kuba keine Wende zum Besseren bringt. Wie die örtlichen Kirchengemeinden in dieser Situation das christliche Zeugnis aufrechterhalten, erlebten Dorothee Kuhs und Ulrich Weinhold von „Hilfe für Brüder International“ bei einer Reise in das lateinamerikanische Land.

 

Eine direkte Anreise in die Hauptstadt Caracas ist wegen des Wirtschaftsembargos kaum noch möglich, die meisten Fluglinien haben ihre Direktflüge längst abgesagt. Bizarrerweise fliegt aber Turkish Airlines von Istanbul aus direkt: Die Türken haben eine neue Finanzierungsquelle für ihren Krieg in Syrien gefunden und bauen in den eigentlich geschützten Reservaten des Orinoco in Venezuela Gold ab. Frustrierend für die einheimischen Christen: Während man viele Missionare aus den Indianerschutzgebieten auswies, die dort nur das Evangelium verkündigen wollten, lässt man nun fremde Investoren ins Land, die die Umwelt verwüsten und Raubbau an der Natur treiben – nur weil die Regierung mittlerweile auf wirklich jeden Dollar angewiesen ist, der überhaupt noch aus dem Ausland ins Land fließt. Während Venezuela jahrzehntelang mit sprudelnden Ölquellen – das Land verfügt über die größten leicht erschließbaren Ölvorkommen der Erde – ein großzügiges Leben führen und auch einen auf Pump finanzierten Sozialismus propagieren konnte, sind der weltweite Verfall des Ölpreises, das US-Wirtschaftsembargo und zunehmend auch das Verrotten der eigenen, zwangsweise verstaatlichten Ölindustrie-Anlagen die Totengräber des einstigen Wohlstands. Allein die USA hatten zuvor für 350 Millionen Dollar Öl abgekauft – pro Tag! Während Kuba noch Rohöl gegen Dienstleistungen eingetauscht hat – man spricht von 26.000 Militärberatern und Ärzten, die von Kuba nach Venezuela abgestellt wurden –, ist der Markt ansonsten zusammengebrochen. Devisen fehlen – und damit auch wichtige Medikamente, Investitionen, ja sogar Lebensmittel. Als wir in Valencia, der drittgrößten Stadt des Landes, ankommen, erleben wir verwaiste Industrieanlagen von Reifen-Herstellern wie GoodYear und Fire­stone. Die Auto-Fabriken von General Motors und Ford liegen brach und wachsen zu, die Chemieanlagen des Pharmakonzerns Pfizer rosten vor sich hin. Zehntausende Jobs sind weg.

 

Gemeindekonferenzen in besonderen Umständen
Wir besuchen eine Missionskonferenz des lateinamerikanischen COMIBAM-Netzwerks, die auf einem Freizeit-Gelände in Campo Carabobo stattfindet. Ein historischer Ort, an dem der Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar (1783–1830) die entscheidende Schlacht gegen die spanischen Kolonialherren schlug. Heute eine Stadt der „Checkpoints“, wo sich Polizei und Militär ungeniert an den Habseligkeiten der Durchreisenden bereichern. Die Baptisten, mit ca. 700 Gemeinden eine der größten evangelikalen Kirchen im Land, organisieren die Konferenz, und man kann nur staunen, wie sie Lebensmittel, sauberes Trinkwasser und Generatorenstrom beschaffen, damit die Konferenz mit bis zu 500 Gästen stattfinden kann.

 

Für die einheimische Währung Bolivar lassen sich die meisten Dinge nicht mehr kaufen, man benötigt US-Dollar, um an Fleisch, Ersatzteile, Hygieneartikel oder Medikamente zu gelangen. Die 12 Kilogramm Medizin, die wir aus Deutschland mitbringen, sind deshalb höchst willkommen. Auf dem Freizeitgelände wird gerade eine Versuchsfarm entwickelt, um mehr Glaubensgeschwister zur Eigenproduktion von Obst und Gemüse anzuleiten – manches erinnert an die Situation im Nachkriegsdeutschland. Wir geben drei Seminare über die politische Wende in Deutschland und ermutigen die Geschwister zum Gebet, zum gewaltlosen Widerstand – und zum Gottvertrauen.

 

Christen dienen ihren Nachbarn
Anschließend besuchen wir eine von uns unterstützte Gemeinde in Valencia, die in einem Vorort gegründet wurde. Überall Wohnanlagen mit dem allgegenwärtigen Porträt von Hugo Chávez auf der Häuserwand. Der ehemalige Präsident wird bei den Linken im Land dafür verehrt, dass er mit den Petroleum-Dollars Wohnanlagen für die Ärmsten baute – dass er sich damit seine Wahl-Klientel sicherte und die Häuser hoch explosiven „sozialen Sprengstoff“ bergen, interessiert nicht jeden. Heute sind die Wasserleitungen kontaminiert, viele der Wohnungen sind unsicher, Gangs erobern sich ihre Gebiete, berichtet uns der Pastor.

Mittendrin Gemeindearbeit mit Kindern, zwei überfüllte Gottesdienste am Sonntag, eine Kinderspeisung über die Woche und der vielleicht wichtigste Beitrag für das Wohnviertel: eine Wasserfilteranlage, die bis zu 6.000 Liter Trinkwasser täglich in große Flaschen abfüllt. Ganz praktisch dienen die Christen hier ihren Nachbarn. Gut angelegtes Spendengeld aus Deutschland, das die Türen in viele sozial schwache Familien öffnet. Wir erleben eine Frau mit zwei behinderten Kindern, der Ältere hat das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus: De facto gibt es keine staatliche Hilfe für die Frau. Dass sie hier in der Gemeinde wenigstens Wasser und Essen für ihre Kinder, aber eben auch emotionalen Zuspruch und Trost bekommt, ist in all der Tragik der Situation berührend. „Tropfen auf den heißen Stein“ können eben auch Zeichen der Liebe Gottes sein.

 

Keine Unterbrechung des Flüchtlingsstroms
Während der Konferenz sprechen wir mit Samuel Olson, dem Direktor des „Consejo Evangélico de Venezuela“. Diese Vereinigung evangelikaler Gemeinden ist der „Evangelischen Allianz“ vergleichbar und deckt mit 200 Mitglieds­organisationen rund 80 Prozent aller Christen im Land ab. Er gibt uns Einblicke in die Fluchtwelle von über vier Millionen Einwohnern, die von der Regierung Maduro heftig bestritten wird. Doch allein aus seiner Gemeinde mit 6.000 Mitgliedern sind bereits 2.000 Geschwister geflohen – in die USA, aber auch in die Nachbarländer Kolumbien, Panama, Ecuador und Peru bis hinunter nach Chile. Viele sind illegal ausgereist, weil sie keinen Pass haben. Es gibt über 150 illegale Grenzübergänge allein nach Kolumbien, welche von Kriminellen kontrolliert werden – die Flüchtlinge müssen mit Geld oder „in Naturalien bezahlen“. Uns wird von dramatischen Szenen berichtet. Einige überleben den strapaziösen Fußmarsch über die Berge nicht. In Kolumbien gibt es kaum Unterkünfte für die über zwei Millionen Flüchtlinge, die dort stranden. Für zwei Dollar darf man zum Übernachten einen Pappkarton in einem Sportstadion mieten. Und doch brechen Tag für Tag wieder Venezolaner auf, weil sie keine Hoffnung mehr im eigenen Land haben.

 

Umdenken bei Mission und Gemeindebau
Wir erleben in Valencia einen Studentennachmittag mit „MUF“ – der „Mission an der ultimativen Grenze“. 300 Studenten sind gekommen, um über die Rolle der Jugend bei der Friedlichen Revolution in der DDR zu hören. Übersetzt wird von einem 19-Jährigen, der als Elektro-Musik-Produzent riesige Erfolge im Internet hat – aber im Land bleibt, weil er nicht weglaufen will vor der Verantwortung. Junge Leute kommen nach dem Vortrag nach vorn, erklären, dass sie Venezuela nicht aufgeben wollen. Die Gemeinden wachsen gerade wegen solcher hingebungsvoller Leute. Während vor 20 Jahren noch entscheidend war, wie viel Geld man hat, um geistlich etwas zu bewegen, geht es heute eher darum, mit wie viel Herzblut tätige Hände anpacken. Vielleicht waren wir in Venezuela, um zu Hause in Deutschland zwei Wahrheiten weiterzugeben: Verlasst euch nie auf irdischen Reichtum und eure Industrie – beides kann schnell weg sein. Und lernt, dass Gemeindebau nicht von Finanzen, sondern von Hingabe abhängt. „Crisis“ und „Christus“ klingen fast gleich, oder?