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idea: Herr Weinhold, Sie leiteten 14 Jahre „Hilfe für Brüder International“ – wie hat sich die Arbeit in dieser Zeit verändert?

 

Weinhold: Die Kirchen im Süden der Welt sind heute theologisch stärker und selbstständiger. Es gab viele Leiterwechsel – weg von US-Amerikanern und Europäern hin zu Einheimischen. Theologie, Mission und auch Entwicklungszusammenarbeit werden stärker von einer afrikanischen oder
asiatischen Sicht bestimmt.

 

Ostafrika wird derzeit von einer Heuschreckenplage heimgesucht: Die Ernte ist in Gefahr.

 

Die Lage ist bedrückend. Die nächste Generation von Heuschrecken ist viel zu stark geworden. Dazu kommen die Auswirkungen des Coronavirus: Zum Beispiel haben
in Tansania und Kenia die Regierungen Straßensperren eingerichtet, um die Verbreitung des Virus zu beschränken. Das hat aber auch zur Folge, dass Insektizide, die man braucht, um die Heuschrecken zu bekämpfen, nicht rechtzeitig auf die Felder kommen. Ich befürchte, dass sich die westliche Welt gerade zu sehr um ihre eigenen Probleme kümmert und keinen Blick mehr für die schreckliche Situation in Ländern wie Somalia oder Eritrea hat, die ohnehin schon politisch
sehr fragil sind.

 

Der kenianische Ökonom James Shikwati sagt: „Wer Afrika helfen will, darf kein Geld geben.“ Entwicklungshilfe bringe die Empfänger in eine Abhängigkeit und unterdrücke den Unternehmergeist.

 

In einem gewissen Sinn gebe ich Shikwati recht. Unser Gründer Winrich Scheffbuch
warnte auch immer: „Mit Geld kannst du genauso viel kaputt machen, wie du helfen
kannst. Vielleicht sogar noch mehr!“ Wir wissen, dass echte Motivation von innen,
aus der eigenen Überzeugung kommen muss. Nachhaltigkeit kann man nicht kaufen. Ja, es braucht auch Geld, um Ideen umzusetzen. Aber schnelles Geld kann
auch viel kaputt machen, Ideen ersticken, die Eigeninitiative abwürgen. Wir wollen
Ideen, Training und Know-how bringen wie bei erneuerbaren Energien aus nachwachsenden Rohstoffen. Da gibt es große Potenziale. Daneben gibt es die Nothilfe – und da muss man dann auch mit Geld helfen, Essen und Medizin finanzieren. Wir sind doch ein reiches Land, und die Betroffenen sind unsere Glaubensgeschwister.

 

Was mich irritiert: Auf Ihrer Internetseite findet man keinen Geschäftsbericht.

 

Das ist korrekt. Zahlen allein sind nicht immer aussagekräftig. „Hilfe für Brüder“ hat
einen „Konstruktionsfehler“: Wir hören auf die einheimischen Geschwister und arbeiten ausschließlich auf Anfrage. Wir haben sozusagen kein eigenes „Geschäftskonzept“.

 

Warum soll das ein Fehler sein?

 

Ein Beispiel: In der Türkei wollen Pastoren eine Konferenz veranstalten, es fehlen aber noch 5.000 Euro, weil einige kleine Gemeinden nicht genug Spenden für ein Gehalt haben. Wenn wir dieses Projekt fördern, haben wir bis zur Endabrechnung fürs Finanzamt Verwaltungskosten von etwa 15 % – und liegen damit über dem Durchschnitt. Viele große Hilfswerke machen Projekte „von der Stange“. Ob man nun 1.000, 10.000 oder 50.000 Kinderpatenschaften fördert – der Verwaltungsaufwand sinkt wegen der Fixkostendegression. Unsere Projekte sind dagegen so individuell wie die Anfragen. Klar, nun könnte man auf dem Papier schönrechnen und gleich die gesamte Pastorenkonferenz mit 50.000 Euro fördern – denn dann sänke der Anteil
der Verwaltungskosten auf 1,5 %. Aber es kann doch nicht der Sinn der Übung sein, dass wir die Selbstständigkeit der türkischen Gemeinden unterminieren, oder? Wir wollen auch nach 40 Jahren „Hilfe für Brüder“ – und selbstverständlich auch für Schwestern – sein und nicht unser eigenes Ding aufziehen. Auch da wollen wir konsequent ein Glaubenswerk sein, das etwas unüblich vorgeht und keine
Budgets verplant. Denn zu dem Zeitpunkt, wo in unserem Leitungskomitee über Projekte beschlossen wird, haben wir für diese noch keinen einzigen Cent. Anders gesagt: Würden wir unsere Projekte hart bilanzieren, müssten wir morgen Insolvenz anmelden. Deshalb wird bei uns im Glauben beschlossen, und dann bitten wir im Glauben um Unterstützung – und sagen eben auch dort nie konkrete Zahlen, sondern vertrauen darauf, dass Gott das gibt, was gebraucht wird.

 

Kommen wir zu „Christliche Fachkräfte International“: Wozu braucht es heute noch Entwicklungshelfer?

 

Der ausländische Entwicklungshelfer – und zunehmend auch der klassische „Missionar“ – treten hinter die einheimischen Leiter zurück, sind „integrierte Fachkraft“. Aber ein Entwicklungshelfer kann weiter produktiv fremd sein. Er kann zum Beispiel Fragen stellen, die sonst niemand wagt. Zum Beispiel: „Wie wollt ihr euren Boden vor Erosion schützen? Habt ihr es schon mal mit Kompost probiert? Warum beschneidet ihr eure Mädchen? Warum zahlt ihr Brautpreise?" Manches ist bis hinein in die Kirchen Afrikas ein heikles Thema. Und in einer Schamkultur wird in einer Umgebung aus Zauberei und Hierarchie manches einfach nicht hinterfragt, wenn nicht jemand von außen kommt. Da sehen wir nach wie vor konkrete Aufgaben – chemisch gesprochen vielleicht weniger als Element der Reaktion, sondern eher als Katalysator, der gute Reaktionen ermöglicht.

 

Ein großes Thema sind Wasserversorgung, Hygiene- und Umweltmanagement.

 

Bei uns arbeiten WASH-Experten, die viel über wassergetragene Krankheiten wissen. Dabei geht es um „WasserSanitäres-Hygiene“, um ländliche Entwicklung und öffentliches Gesundheitswesen. In vielen armen Ländern ist leider wenig bekannt über Krankheitserreger, die über Wasser übertragen werden, zu Erblindung oder schweren Infektionskrankheiten führen. Manchmal gibt es in der Trockenheit auch kaum Alternativen. Da ist Fachwissen gefragt. Natürlich installieren wir dort nicht die perfekte Lösung deutscher Wasserwerke. Wir berücksichtigen die Verhältnisse vor Ort und verwenden einfache Sand-Wasserfilter. Als 2014 das Ebolavirus ausbrach, haben wir im Ostkongo an kirchlichen Krankenhäusern Isolierbereiche eingerichtet und aufgeklärt, Patientenbesuche anders zu organisieren. In afrikanischen Ländern übernehmen meistens Verwandte Essensversorgung und Körperpflege der Patienten. Dadurch verbreitet sich aber der Infekt rasend schnell. Deshalb ist es wichtig, den Zugang auf ein Minimum zu beschränken: Der Händedruck am Krankenhausfenster kann zwar den sozialen Kontakt stärken, aber die Gesundheit der Beteiligten gefährden.

 

Ihre Mitarbeiter gleichen dem mythischen Helden Sisyphus: Bürgerkriege, Monsune, Militärputschs, Vulkanausbrüche und Dürren machen die Arbeit immer wieder zunichte.

 

Wir leben in einer gefallenen Welt. Unsere Arbeit hört nicht auf, bis der Herr wiederkommt. Ich halte allerdings eine Transformationstheologie, die so tut, als könne diese Welt mit all ihrer Sünde so erneuert werden, dass Gottes Reich praktisch schon hier auf Erden verwirklicht ist, für Wunschdenken. Im DDR-Sozialismus sollten wir ja auch alle an den „besseren Menschen“ glauben – den gibt es aber nicht: Der Mensch hat eine sündige Natur. Und solange das so ist, werden wir auch in einer sündigen Welt leben. Meine Überzeugung ist: Wir müssen diese Sünde ansprechen. Wir können die Welt nicht retten, aber einzelne Seelen für die Ewigkeit. Und dafür kann man Hoffnungszeichen setzen – und muss dabei von Jesus reden. Ich zitiere deshalb oft unseren Gründer, Pfarrer Winrich Scheffbuch: „Es gibt keine christliche Schüssel Reis.“

 

Was meint er damit?

 

Heute hört man oft: „Wort und Tat gehören zusammen, und wo man keine Worte sprechen kann, spricht die Tat für sich allein.“ Aber das stimmt so nicht. Es
ist illusorisch zu denken, man gäbe den Leuten Reis, und dann werden sie schon
von allein nach Jesus suchen. Nein, das Zeugnis von Jesus Christus gehört zu unserem Dienst dazu. Es reicht nicht, einen Brunnen zu bohren und darauf zu hoffen, dass die Leute irgendwie erraten, warum wir das tun. Deshalb gibt es bei einer Brunnen-Eröffnung immer auch eine Predigt, in der wir zum Beispiel über Jesus und die Frau am Jakobsbrunnen (Johannes 4) sprechen. Nachhaltigkeit heißt bei uns, an die Ewigkeit zu denken.

 

Welche Herausforderungen sehen Sie in der Entwicklungszusammenarbeit?

 

Wir müssen aufpassen, dass „Global Player“ nicht gute Entwicklungsergebnisse konterkarieren. Zum Beispiel wurde in Äthiopien die lokale Landwirtschaft gestärkt –
das ist auch gut gelaufen. Jetzt kommt China und finanziert das Büro der Afrikanischen Union in Addis Abeba, baut Staudämme für den Nil. Entwicklung, Elektrizität, alles gut. Aber es gibt eben auch Umsiedlungen – und inzwischen
Zuckerrohrfelder für den China-Export, die militärisches Sperrgebiet sind. Die Einheimischen werden von ihrem eigenen Grund und Boden ferngehalten. Wasser wird am Nil neu verteilt. Es entsteht eine neue Weltordnung. Mit Afrika als Globalisierungsverlierer – und vielleicht neuen Flüchtlingswell

 

Daran kann ein kleines Hilfswerk nichts ändern.

 

Exakt. Aber was machen wir jetzt? Beten und abhaken? Frustriert sein? Zurück in die
Industrie gehen und wieder Autos zusammenschrauben, schönes Geld verdienen
und es anschließend in Ischgl beim Skifahren verpulvern? Oder die Talente nutzen,
die Gott uns gegeben hat, auch wenn wir damit nicht die Welt retten? Seit der Gründung unseres Werks haben wir mehr als 6.000 Projekte gefördert, über 1.000 Entwicklungshelfer entsandt und dabei immer zu Bekehrung oder Jüngerschaft aufgefordert. Das geht weiter. Wir sind von Gott beauftragt – bis zum letzten Tag.

 

Verstehen sich Ihre Mitarbeiter mehr als Missionare oder mehr als Entwicklungshelfer?

 

Wir sind Entwicklungshelfer, die alle überzeugte Christen sind. Die Vereinten Nationen reden von SDGs (Sustainable Development Goals), also Zielen für nachhaltige Entwicklung. Auch wir reden von „SDG“ – und meinen damit „Soli Deo Gloria: Allein Gott die Ehre“. Wir arbeiten ja eng mit dem Bundesministerium
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zusammen. Und dort
sind wir durchaus als „Stuttgarter Pietcong“ bekannt.

 

Das ist kein Kompliment, sondern eine spöttische Kritik an radikal-pietistischer Frömmigkeit.

 

Mittlerweile ist das einem gewissen Respekt gewichen. Wir liefern Qualität ab, sind sparsam. Ein Mitarbeiter von CFI bekommt ein Unterhaltsgeld von knapp 1.000 Euro – das ist unterhalb des Mindestlohns. Andere Entwicklungsdienste zahlen mittlerweile bis zu 4.000 Euro, um am Markt überhaupt noch Fachkräfte zu bekommen. Bei uns geben leitende Mitarbeiter von Bosch und Co. ihren Job auf und steigen bei CFI ein – weil sie mit ihrer Lebenszeit etwas Sinnvolles machen und Gott danken wollen. Auch das ist „Pietcong“!

 

Das BMZ übernimmt etwa 70 % der reinen Personalkosten Ihrer Entwicklungshelfer. Regiert Ihnen der deutsche Staat in die Arbeit hinein?

 

Entwicklungsdienste sind juristisch unabhängig, auch wenn sie bis zu 50 % vom Staat finanziert werden. Was wir machen, entscheiden wir. Wie wir es machen, auch. Freilich gibt es strenge Qualitätskontrollen. Der Staat überprüft sehr genau, ob die vereinbarten Ziele erreicht werden. Ein großes Projekt, das zuletzt evaluiert wurde, war die Ausbildung von Fachärzten in Afrika. Ist das sinnvoll oder werden nur Ärzte ausgebildet, die am Ende doch nach Europa abwandern? Es gibt ja das Bonmot: „Die besten ruandischen Zahnärzte findet man in London.“

 

Wie lässt sich das verhindern?

 

Wir sagen in der Ausbildung: „Du bist von Gott dazu berufen, für deine Landsleute da zu sein. Du wirst gebraucht!“ Früher haben sich viele Missionskrankenhäuser darauf verlassen, dass genug Ärzte aus dem Westen kommen, die dann dauerhaft im Entwicklungsland dienen und auch Geld mitbringen. In Ländern wie Pakistan ist es heute fast unmöglich, ein Visum zu bekommen. In Nepal wurden viele Missionsärzte aus dem Land gedrängt. Plötzlich ist auch weniger Geld da. Was früher kostenlose Nächstenliebe war, muss nun erwirtschaftet werden. Damit wächst die Verantwortung der Einheimischen. Da braucht es Ärzte, die auch aus ihrem Glauben Kraft schöpfen. Deshalb ist die geistliche Begleitung von einheimischen Fachkräften genauso wichtig wie die fachliche.

 

Sie bieten auch Kurzeinsätze an. Der Nutzen ist allerdings umstritten. Kritiker sehen darin eher eine Selbstverwirklichung als echte Hilfe.

 

Und das durchaus zu Recht. Wir wollen keinen „Voluntourismus“, bei dem der exotische Abenteuerurlaub wichtiger als die Arbeit ist. Wo Kurzzeitler für ein paar Wochen vorbeikommen, nur um die Fotos ihrer „Heldentaten im Kinderheim“ bei Instagram und Co. posten zu können. Stichwort „Armutsporno“ – da werden Erinnerungsfotos gemacht, nach dem Motto: Je ärmlich-fotogener ein Kind ist,
desto krasser kommt mein Foto. Da sind wir eindeutig dagegen, schulen unsere Teilnehmer. Wir haben auch klare Dienstbeschreibungen. Wer zum Beispiel in Rumänien in der Küche mitarbeitet, muss um 5 Uhr aufstehen, damit um 7 Uhr das Frühstück für die Jugendgruppen auf dem Tisch steht. Das sind also schon knackige Einsätze. Wir erleben andererseits auch, dass genau diese Herausforderungen die
jungen Leute prägen. Ich habe um die 600 Kurzzeitler persönlich kennengelernt und kann heute nur staunen, was aus vielen im Reich Gottes geworden ist. Und oft sagen sie: „Damals, bei Co-Workers, fing Gott mit mir richtig an.“ Toll!

 

Sie geben jetzt die Leitung auf, bleiben aber noch zwei Jahre für das Werk tätig. Was kommt als Nächstes?

 

Wir wissen es noch nicht. Meine Frau und ich haben schon 2013 beschlossen, dass 2022 – mit 50 Jahren – noch mal etwas anderes kommen darf. Wir wollen aber nicht reflexartig handeln: Es muss immer Gott sein, der beruft. Vielleicht gehen wir selbst als Entwicklungshelfer – Gott entscheidet.

 

Sie zieht es vom Schreibtisch in den Einsatz?

 

Mir liegt Nordkorea besonders auf dem Herzen. Dort gibt es eine von Christen aufgebaute Universität. Ich könnte mir vorstellen, einen zweiten Masterabschluss zu machen oder zu promovieren und anschließend dort zu lehren. Ich würde gerne meine Erfahrungen einbringen, die ich 1989/90 mit der Deutschen Einheit gemacht habe.

 

Was sagt Ihre Frau zu Nordkorea?

 

Zurzeit ein klares Nein. Wir sprechen auch über Kuba oder Venezuela. Wir kennen den Sozialismus von früher und wir haben als Deutsche einen anderen Zugang. Ein anderer Gedanke: Meine Eltern sind über 75. Auch die Eltern im Alter zu versorgen, ehrt Gott. Unser Leben gehört Gott, er darf entscheiden.

 

Also ist noch alles offen.

 

Wir glauben, dass Gott Berufungen ausspricht. Zu DDRZeiten durfte ich trotz 1,0-Zeugnis nur eine Maurerlehre machen. Erst nach dem Mauerfall dann Abitur und JuraStudium. Ich habe immer erlebt, dass Gott gut führt. Auch diese 14 Jahre Leitung waren doch nur Gnade.



Ulrich Weinhold (48) machte eine Maurerlehre, studierte Jura und arbeitete als Rechtsanwalt. Er leitet seit 2006 „Hilfe für Brüder International“, den Entwicklungsdienst „Christliche Fachkräfte International“ und den Freiwilligendienst „CoWorkers International“. Auf ihn folgt mit Tobias Köhler, Bernd Lutz und Désirée Schad ein Leitungsteam.