Lieber Herr Haberstroh, vielen Dank für Ihre Zeit. Erzählen Sie doch erst einmal ein bisschen von sich.

Mein Name ist Tobias Haberstroh. Bei Hilfe für Brüder International bin ich seit gut fünf Jahren tätig und dort verantwortlich für den Nahen Osten. Zuvor habe ich bereits im Jemen, Irak sowie in der Türkei, in Syrien und Ägypten gelebt und gearbeitet. Besonders zu Anfang meiner Tätigkeit bei Hilfe für Brüder International lag der Schwerpunkt auf der Flüchtlingsarbeit mit syrischen und irakischen Flüchtlingen. In dem Zuge war ich mehrmals im Libanon und habe unsere sehr engagierten Partner dort besucht und begleitet. Zudem habe ich privat einen engen Bezug zum Libanon, da es die Heimat meiner Frau ist und wir das Land deshalb sehr regelmäßig besuchen.

 

Am 04. August kam es im Hafen der Hauptstadt Beirut zu gewaltigen Explosionen. Wie haben Sie davon erfahren?

Tatsächlich war das über die WhatsApp-Gruppe meiner libanesischen Familie. Meine Schwiegereltern wohnen keine zwei Kilometer vom Unfallort entfernt. Mein Schwager arbeitet in der Nähe des Hafens und war zum Zeitpunkt auch dort. Gott sei Dank wurde niemand verletzt, lediglich die Scheiben im Haus meiner Schwiegereltern sind durch die Druckwelle gesprungen. Über diese Kanäle habe ich das zuerst erfahren. Und dann natürlich auch über die Berichterstattung in den Medien.

 

Die Bilder waren dramatisch, die Zahlen der Toten und Verletzten schwanken. Wie scheint nach Ihrer Einschätzung jetzt die Lage im Land zu sein?

Es ist immer noch schwierig zu sagen, was genau passiert ist und wie viele Tote es gab. Es gibt immer noch Leute, die vermisst werden. Die Zahl der Toten steigt. Die Sachschäden belaufen sich bereits jetzt in Milliardenhöhe. Der anfängliche Schock und die Trauer weichen inzwischen aber allmählich der Wut gegenüber der Regierung und dem Missmanagement. Wie konnte es passieren, dass so gefährliches Material dort gelagert wird und sich niemand darum kümmert? Diese Wut war schon länger da. Bereits im Herbst letzten Jahres gab es die ersten Demonstrationen gegen die politische Elite. Die Politik des Landes ist seit Jahrzehnten durch die konfessionsgebundenen Parteien geprägt. Das hat dazu geführt, dass es immer mehr Korruption, Vettern- und Misswirtschaft im Land gibt und das hat die Menschen auf die Straße getrieben. Die Proteste sind zuletzt etwas abgeflacht und es sind natürlich auch andere Probleme wie Corona dazugekommen. Aber die wirtschaftliche Situation ist sehr schlecht, das Land liegt komplett am Boden.

 

Sie haben es ja gerade schon angesprochen: Das Land scheint – Entschuldigen Sie das Wortspiel – generell ein Pulverfass zu sein. Sie waren bereits häufig im Land. Was hat sich aus Ihrer Perspektive in den vergangenen Jahren geändert?

Ich war vor zehn Jahren das erste Mal dort. Damals war das Land soweit friedlich. Es gab eine starke Militärpräsenz. Das hatte auch mit Anschlägen zu tun, die damals noch viel verbreiteter waren und an die sich viele am Montag erinnert fühlten. Das Land hat sich dann immer mehr stabilisiert. 2012 wurde es dann wieder schwieriger durch die vielen syrischen Flüchtlinge, die ins Land kamen. Aber man muss sagen, dass der Libanon diese Zuwanderung recht gut verkraftet hat. Natürlich mit vielen Schwierigkeiten und Mühe. Und natürlich auch viel Not bei den Flüchtlingen. Der Libanon hat im Vergleich zur Gesamtbevölkerung immer noch die meisten Flüchtlinge weltweit. Aber das Land war im Hinblick auf das Nachbarland Syrien ziemlich stabil und gewissermaßen ein Anker in der Region. Und nun eben die massive Wirtschaftskrise, Corona – und jetzt noch die Explosion, die die Hauptstadt verwüstet hat und viele der Menschen, für die es sowieso schon schwierig war, weiter in die Bredouille bringt.

 

Die Situation scheint schwer einzuschätzen. Haben Sie Vermutungen, wie die Situation in der näheren Zukunft weitergehen wird?

Es sieht nicht gut aus und es gibt wenige Hoffnungsschimmer. Das Land dümpelt politisch und auch wirtschaftlich bereits mehrere Monate vor sich hin. Es gibt keine richtigen Lösungen oder Ansätze. Gespräche mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) wurden abgebrochen. Auch sonst sieht man wirtschaftlich wenig Perspektive. Im Prinzip wartet jeder nur darauf, dass das Land wirklich kollabiert. Dass noch mehr Leute arbeitslos werden, ihre Wohnung verlieren und hungern. Es gibt schon die ersten Berichte, dass schon schätzungsweise 500.000 Kinder hungrig ins Bett gehen. Darunter sind bestimmt viele Flüchtlinge, die es erfahrungsgemäß immer am härtesten trifft. Man hofft auf ausländische Hilfe, aber es ist fraglich, ob die noch kommt. Es gab viel Unterstützung in den vergangenen Jahrzehnten, die aber strukturell nichts verändert hat, deshalb herrscht eine gewisse Müdigkeit bei den Geldgebern. Außerdem ist es aktuell logistisch schwierig Geld in das Land zu bringen, da das Bankensystem Teil des wirtschaftlichen Niedergangs ist.

 

Hilfe und Hilfsgelder sind gute Stichwörter. Sie arbeiten ja bei Hilfe für Brüder International. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht, welche Hilfen sinnvoll sind? Was würde denn in dieser Situation helfen?

Nötig ist eine Veränderung in der oberen politischen Ebene. Da haben wir natürlich keinen Einfluss. Aber im Kleinen finde ich es wirklich beeindruckend, was die Gemeinden vor Ort leisten. Wie sie sich in der Flüchtlingskrise um die syrischen Flüchtlinge gekümmert haben und was da auch geistlich passiert ist. Viele Menschen haben von Jesus gehört und ihn auch angenommen. Da habe ich schöne Bilder im Kopf von ehemaligen Muslimen und langjährigen Christen, die zusammen Gottesdienst feiern und Gott anbeten. Und auch jetzt wieder: Gleich nach dieser Explosion sind viele Christen losgegangen und haben in den Häusern und auf der Straße geholfen aufzuräumen. Und sie haben denjenigen geholfen, die ihre Wohnung verloren haben. Die Gemeinden sind da wirklich sehr dynamisch und haben Möglichkeiten, praktisch vor Ort zu helfen.

 

Vielen Dank für das Gespräch und Gottes Segen!

 

Spendenmöglichkeit

 

Video einer Mitarbeiterin der Resurrection Church Beirut über die Situation und die Hilfe vor Ort