Zur Zeit erlebe ich hier in Jordanien genau das, was Aussätzige in der Bibel erlebt haben. Leute wechseln die Straßenseite, halten sich Tücher vor den Mund und warten vor einem Laden, bis man aus dem Verkaufsraum draußen ist. Nur eben dass man kein Aussatz hat, sondern anscheinend Schuld an den mittlerweile über 350 bestätigten Coronafällen ist. Da die Dunkelziffer wahrscheinlich viel höher ist (aber keiner mehr wegen „Falschmeldungen“ ins Gefängnis kommen will), gibt es neuerdings eine Art „Stasinummer“, bei der man anrufen kann, um seine hustenden Nachbarn anzuschwärzen. Das ist leider kein schlechter Aprilscherz gewesen und nun überlegt man es sich doch zweimal, ob man laut hustet, wenn man sich am Essen verschluckt oder doch lieber ein Glas Wasser trinkt.

 

Ich las letztens einen Artikel, der behauptete, dass Jordanien die strengste Ausgangssperre überhaupt hat, jedoch ändert die Regierung fast täglich die Ver- und Gebote. Nach vielen gravierenden Einschränkungen herrschte hier ab dem 21.3. eine strikte Ausgangssperre. Heißt keine offenen Läden und die Bevölkerung sollte mit Brot beliefert werden – einfach nur arabisches Fladenbrot (welches nach 5 Tagen auch bei uns ankam). Jedoch kam es in der Hauptstadt schnell zu Ausschreitungen und Schlägereien um Gas- und Wasserflaschen und der „Brotbus“ wurde regelrecht gestürmt. Um größere Aufstände zu vermeiden, wurde die Sperre bald insofern gelockert, dass in der Zeit von 10 - 18 Uhr Einkäufe in kleineren Lebensmittelgeschäften und Obst- und Gemüseläden sowie Apotheken getätigt werden können. Jedoch nur zu Fuß und nur für 16–60-jährige.

 

Da diese Regelungen nicht wirklich eingehalten wurden und nun schon über 1000 Menschen inhaftiert wurden, gilt nun für Freitag wieder kompletter Lockdown. Da es viel Armut hier in Jordanien gibt, können es sich die meisten Familien finanziell aber nicht leisten, Essensvorräte anzuschaffen. Um dem entgegen zu wirken, hat die Regierung nun die Preise für Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Tomaten und Auberginen (ja, dass gehört hier dazu)  festgelegt.

 

Es ändert sich alles so schnell, da kann man nur einen Tag nach dem nächsten nehmen. Meinen Alltag fülle ich mit Sport in der Wohnung, im Kreis auf dem Dach wandern und mit Nähen – auch wenn das letztgenannte nur halbwegs beschäftigend war, da mein „Monatsprojekt“, eine Jacke ohne Nähmaschine von Hand zu nähen in der Coronazeit doch nach 3 Tagen schon wieder erledigt ist, weil man ja nach der Arbeit den ganzen Nachmittag und Abend Zeit hat.

 

Ich will jedoch in dieser Zeit auch meine Beziehung zu Gott vertiefen. Wir sollten es als Chance sehen, zur Ruhe kommen zu können ohne verpflichtende Termine oder Besuche zu haben. Wann haben wir schon so viel Urlaub, ohne zu verreisen, wo wir so viel Bibellesen können? Ich lerne erst jetzt wieder Gebetstreffen zu schätzen, wenn auch nur online. Mehrmals wöchentlich bete ich mit allen möglichen verschiedenen Leuten und es tut so gut, in dieser Zeit in die Gegenwart Gottes zurückzukehren. Darauf zu vertrauen, dass seine Pläne gut sind und dass er das BESTE für uns im Sinn hat. Und es ist so schwer, dass ehrlich zu sagen, da es so viel leichter wäre, Gott dafür zu preisen, wenn man seinen Plan dahinter jetzt schon wüsste. Doch dazu brachte mich ein Freund letztens auf die Geschichte von Joseph. Dieser Typ wurde verkauft und arbeitete jahrelang als Sklave, bis er Gottes Plan sah – nämlich, sein Volk zu retten. Und vielleicht betete er auch jeden Tag, dass Gott ihm doch zeigen soll, was das alles soll, und er bekam keine Antwort. Von ihm können wir eine große Scheibe Vertrauen abschneiden. Er hatte keine Ahnung, wie der nächste Tag aussehen würde und doch vertraute er Gott blind und er wusste, dass Gott die Fäden in der Hand hat und dass er nie die Kontrolle über die Situation verlieren würde. Gott will, dass ich/wir ihm vertrauen. Nicht nur, wenn wir einen guten Job haben, wenn es uns gut geht und wir alles im Griff haben, sondern auch, wenn alle menschlichen Sicherheiten wegfallen. Er ist treu und er lässt uns niemals aus den Augen.