„Ich bin kein Dreck!“, ruft eine junge Frau in den Flur, den Ort des Geschehens, aus dem ich sie gerade herauszerre, hinaus ins Freie. Ich halte sie immer noch fest, wir beide zittern. Langsam werden wir ruhiger, die Muskeln entspannen sich wieder, ich nehme sie an der Hand und wir laufen ein Stück, noch ein Stück weiter weg.


In tiefen Zügen atmen wir die frische, kalte Luft der Nacht ein. Wir gucken beide in die Dunkelheit, den vielen blinkenden Glühwürmchen hinterher, die um uns herumschwirren. „Warum muss das gerade wieder mir passieren?“ fragt sie mehr sich selber, denn sie ist sauer, sauer auf sich selbst. Enttäuscht, dass sie sich wieder nicht unter Kontrolle hatte. Ausgerastet ist sie nämlich, wollte ihre Zimmermitbewohnerin einfach nur noch schlagen, so wütend war sie. Die hat sie nämlich beschimpft, hat gesagt, sie wäre Dreck. Ich weiß, wieso sie darauf so heftig reagiert hat – denn genau das ist es, was sie selbst von sich denkt und was ihr ihr Leben lang vermittelt wurde. Die Leute, die an ihr vorbei gelaufen sind, haben dasselbe gedacht, wenn sie überhaupt etwas gedacht haben. Ja, auf der Straße hat sie früher gewohnt, durch die Drogen konnte sie ihre Situation, ihren Selbsthass immer ganz gut verdrängen. Dort gibt es auch keine Regeln, da hat sie sich gewehrt, wenn ihr danach war, zugeschlagen oder einfach vergessen mit der Droge, dem Crack, das billiger ist wie Brot. Doch das möchte sie jetzt ändern, weg aus der Sucht, der Abhängigkeit, sie möchte ein neues Leben. Doch so einfach wie es klingt, ist es leider nicht immer und es gibt viele Kämpfe auszufechten.


Die CENA, das ist die Organisation, mit der ich hier vor Ort in Sao Paulo arbeite, möchte genau den Menschen die Liebe Gottes zeigen, die am Rande der Gesellschaft leben, mit denen keiner etwas zu tun haben möchte, die keiner anschauen möchte. Das sind Obdachlose, Prostituierte, Transvestiten und Straßenkinder, die alle in einer Abhängigkeit leben. Wir möchten ihnen zeigen, dass sie in Gottes Augen wertvoll sind, dass wir uns für sie interessieren. Und so konnte ich die junge Frau, die bei uns auf der Rehabilitationsfarm am Anfang dieses lebensverändernden Prozesses steht, einfach in den Arm nehmen und ihr sagen: „ Du bist kein Dreck. Du bist wertvoll für mich und noch tausendmal wertvoller für Gott. Du bist seine geliebte Tochter.“ Da fing sie an zu weinen und die Wut verging.

 

Spende